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Das Jahr 1974



4./5. 2. 1974
Zerschlagung einer Nachfolgeorganisation der
Baader-Meinhof-Gruppe


In der Nacht vom 4. zum 5. Februar wird in einer von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz koordinierten Blitzaktion von der Polizei in Hamburg und Frankfurt/Main eine Nachfolgeorganisation der Baader-Meinhof-Gruppe zerschlagen. 15 Personen werden verhaftet, und umfangreiche Waffenlager werden ausgehoben. „Die Welt“ schreibt in diesem Zusammenhang:
„Doch um die Baader-Meinhof-Bande war es fortan nur nach außen still. Die zersprengten Reste sammelten sich, warben neue Mitglieder und sogen die aus den Gefängnissen geflohenen und entlassenen Altkämpfer wieder auf. Sie analysierten ihre Fehler und begannen wieder von neuem …
Keineswegs sind die bundesrepublikanischen Stadtguerillas mit der jüngsten Verhaftungswelle endgültig zerschlagen worden. Es gibt noch andere Gruppen. Sie werden von ähnlich gearteten ausländischen Organisationen unterstützt. Und es operieren ausländische Banden im Bundesgebiet.“

Archiv der Gegenwart 1974, S. 18547 G

31.3.1974
„Mieterdemonstration“, von der (maoistischen)
Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) organisiert


Personen- und Sachschaden entsteht anläßlich einer „Mieterdemonstration“ am 31. 3. 1974 in Frankfurt. Außer der KPD sind die „Liga gegen den Imperialismus“ und andere Gruppen beteiligt.

Gerd Langguth, Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968–1976, Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck, Köln 1976, S. 133

12.–15. 4. 1974
Erste ordentliche Delegiertenkonferenz des
Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW)


Auf seiner ersten ordentlichen Delegiertenkonferenz vom 12.–15. 4. 1974 beschließt der KBW in Mannheim, sich an Parlamentswahlen zu beteiligen, obwohl die Parlamente immer offener zu „Instrumenten des Volksbetruges“, zu „Stätten der Korruption und Bestechlichkeit“ geworden seien, „wo bezahlte Agenten der bürgerlichen Klasse als Männer des Volkes auftreten“.

Gerd Langguth, Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968–1976, Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck, Köln 1976, S. 9

4.6.1974
Tod von Ulrich Schmücker


Fememord im Berliner Grunewald an Ulrich Schmücker durch Angehörige der „Bewegung 2. Juni“, der als „Konterrevolutionär und Verräter … wegen seiner Aussagen vor Staatsschutzbehörden der BRD und Westberlins zum Tode ver­urteilt“ wurde.

Archiv der Gegenwart 1975, S. 19289, Abs. 2, 3

Oktober 1974
Terroristische Anschläge in Hamburg


Auf die Wohnung des Hamburger Justizsenators Prof. Dr. Ulrich Klug wird ein Sprengstoffanschlag, auf den PKW des Chefarztes des Zentralkrankenhauses der Hamburger Untersuchungshaftanstalt wird ein Brandanschlag verübt.

Verfassungsschutzbericht 1974, S. 99

9. 11. 1974
Holger Meins nach Hungerstreik gestorben


In der Haftanstalt Wittlich/Eifel stirbt während eines Hungerstreiks Holger Meins, der zum sogenannten harten Kern der Baader-Meinhof-Gruppe gehört. Von den 20 inhaftierten Mitgliedern der Gruppe befinden sich insgesamt zehn in Hungerstreik. Einige haben durch ihre Anwälte bekanntgeben lassen, daß sie nunmehr auch in den Durststreik treten, bis die Justizverwaltung die über sie verhängte Isolierungshaft aufhebt.

Archiv der Gegenwart 1974, S. 19042 D


10. 11. 1974
„Bewegung 2. Juni“


Am 10. 11. 1974 wird der Berliner Kammergerichtspräsident Günther von Drenkmann beim Versuch, ihn zu entführen, ermordet. Hierfür übernimmt die „Bewegung 2. Juni“ die Verantwortung. Die „Bewegung 2. Juni“ hat sich den Namen in Anspielung auf den Tod von Benno Ohnesorg am 2. 6. 1967 gegeben. Ihr werden eine Reihe von Banküberfällen und Anschläge wie z. B. auf den britischen Jagdclub Gatow und den amerikanischen Offiziersklub Dahlem zur Last gelegt.

Gerd Langguth, Die Protestbewegung in der Bundesrepublik Deutschland 1968–1976, Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck, Köln 1976, S. 262

Dezember 1974
Fünf Verletzte bei RAF-Anschlag


Bei einem Sprengstoffanschlag im Hauptbahnhof von Bremen werden fünf Reisende verletzt.

Verfassungsschutzbericht 1974, S. 99

4. 12. 1974
Sartre zur Baader-Meinhof-Gruppe


Der französische Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre stattet dem in Stuttgart in Untersuchungshaft sitzenden Andreas Baader einen einstündigen Besuch ab. Der Besuch ist auf Anregung des Verteidigers von Gudrun Ensslin, Claus Croissant, zustande gekommen. Anschließend hält Sartre eine Pressekonferenz ab, auf der er ankündigt, er werde dem im Frühjahr beginnenden Prozeß als Beobachter beiwohnen. Sartre meint, daß der Hungerstreik der Häftlinge richtig sei, da er sich gegen die Haftbedingungen wende, insbesondere gegen eine Isolation; dies sei zwar nicht die Folter der Nazis, sie solle aber besondere Folgen herbeiführen; deshalb rufe er die Intellektuellen, an der Spitze Heinrich Böll, zur Bildung eines Komitees zur Rettung der Baader-Meinhof-Häftlinge auf. Der Mord an von Drenkmann sei nicht richtig; hierbei empfinde er Unbehagen; aber man müsse verstehen, daß der Tod des von ihnen sehr geliebten Genossen Holger Meins sie zu antworten gezwungen habe. Baader habe erklärt, er habe seine Gruppe mit den Arbeitermassen verbinden wollen, doch bedürfe dies offensichtlich einer längeren Aufklärung, denn im Gegensatz zu anderen Ländern habe das Proletariat in Deutschland durch den Faschismus nicht mehr ununterbrochen an seine Tradition anknüpfen können; die Art des Kampfes in kleinen Gruppen sei nicht endgültig, aber im gegenwärtigen Moment nötig; grundsätzlich könne er sich den Kampf zwischen den Massen und dem Kapitalismus nur als Bürgerkrieg vorstellen. Sartre beklagt, daß das Gespräch nur in Anwesenheit eines Polizeibeamten zugelassen gewesen sei, bestätigt aber, daß ein solches Gespräch in Frankreich völlig unmöglich wäre.

Archiv der Gegenwart 1974, S. 19102 C

Zusammengestellt von Hans-Helmuth Knütter und Alexander Helten

Abkürzungen der Literaturangaben
AL = Michael Bühnemann u. a. (Hg.): AL. Die Alternative Liste Berlin. Berlin 1984
APuZ = Aus Politik und Zeitgeschichte
Backes = Uwe Backes / Eckhard Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1996
-Bulletin = Bulletin des Bundespresseamtes (Bonn)
Schlomann = Friedrich W. Schlomann: Die Maulwürfe. Berlin 1994