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Das Jahr 1986



1986
„Anarcho-syndikalistische“ und „anarcho-
kommunistische“ Gruppen


Durch „revolutionären“, „antikapitalistischen Widerstand in Betrieben versucht die anarcho-syndikalistische „Freie Arbeiter-Union“ (FAU), eine „herrschaftslose, ausbeutungsfreie, auf Selbstverwaltung begründete Gesellschaft“ zu verwirk­lichen. Zur Zieldurchsetzung fordert die FAU „direkte Aktionen“, die von der ­Basis ausgehen. Die Aufwärtsentwicklung der FAU, die der „Internationalen Arbeiter-Assoziation“ (IAA) angeschlossen ist, wird durch die Konsolidierung der 20 Ortsgruppen deutlich. Gewalt ist für die anarcho-kommunistischen Gruppen ein akzeptables Mittel zur Erlangung der „klassenlosen freien Gesellschaft“.

Verfassungsschutzbericht 1986


1986
Anarchistische „Gewaltfreie Aktionsgruppen“


Nach wie vor ist die „Föderation Gewaltfreier Aktionsgruppen“ (FöGA) die „Anlauf- , Koordinierungs- und Servicestelle“ der anarchistischen „Graswurzelbewegung“ in der Bundesrepublik. Die 70 „Gewaltfreien Aktionsgruppen“ verfügen über 800 Mitglieder, die die „libertär-sozialistischen und gewaltfrei-anarchistischen Kräfte in der BRD“ mobilisieren wollen. Ihre in zehn Ausgaben erschienene Zeitschrift „Graswurzelrevolution – für eine gewaltfreie herrschaftslose Gesellschaft“ war mit 3.200 Exemplaren um 800 rückläufig. Der „mit Gewaltmitteln ausgestattete Staatsapparat“ soll durch eine „dezentralisierte Gesellschaftsordnung“, die auf „Selbstregierung oder Anarchie“ beruht, ersetzt werden. Mit der Begründung des Eintritts des „Widerstandsfalls“ legitimieren sie den „geschlossenen Ring“ am Bauzaun des Kernkraftwerks Brokdorf am 7. 6. 1986. Die Zerstörung eines Hochspannungsmastes stellt für ein Mitglied einer „Gewaltfreien Aktionsgruppe“ die „direkte praktische Umsetzung“ von „Gesellschaftskritik“ dar und sei keine Gewalt, da die zerstörten „Dinge“ keine Gewalt verspüren. Aufgrund von Vorwürfen der Ineffizienz beschließt die FöGA eine Umstrukturierung zur Erhöhung der Handlungsfähigkeit.

Verfassungsschutzbericht 1986


1986
Revolutionäre Zellen (RZ)/Rote Zora (Frauenorganisation)


Die Anzahl der terroristischen Aktivitäten hat sich gegenüber dem Vorjahr kaum verändert. Die Rote Zora verübt insgesamt vier Terrorakte, verstärkt auf den Bereich der Bio- und Gentechnologie, so auf das Institut für Humangenetik in Münster und auf das Biotechnische Institut GmbH in Berlin. Dadurch versucht sie das Protestpotential in der Frauenbewegung zu mobilisieren. Schwerpunkt der Anschlagsserien der RZ ist hingegen das Themenfeld Asylantenpolitik. Insgesamt werden in diesem Bereich zehn Anschläge verübt, wie z. B. auf die Ausländerbehörden in Hamm und in Hagen am 25. 9. 1986 und auf das Bundesverwaltungsamt in Köln am 31. 8. 1986. Publizistisch treten sie erstmals seit 1981 mit ihrer Schrift „Revolutionärer Zorn“ wieder in Erscheinung.

Verfassungsschutzbericht 1986


1986
CSU-Parteitag über Linksextremismus


Franz Josef Strauß äußert sich vor den Delegierten des CSU-Parteitages in Nürnberg zu den kürzlichen linksextremistischen Demonstrationen von Autonomen wie folgt: In Brokdorf und in Wackersdorf sei „eine neue Dimension des Aufruhrs“ zutage getreten: eine bislang ungeahnte Gewalttätigkeit von „anarchistischen Gewaltverbrechern“, die Polizisten mit Steinen, Stahlkugeln und Molotow­cocktails bombardierten Die Atomkraftgegner wollten das Land über kurz oder lang „in ein Chaos stürzen“.

Der Spiegel, 30/1986, S. 26 ff.

1.2.1986
Studie des sozialwissenschaftlichen Instituts der
Konrad-Adenauer-Stiftung über „Die Grünen“ und
Linksextremismus


Die wichtigsten Erkenntnisse:
- Zehn führende Repräsentanten der Grünen gehörten zur sogenannten Hausbesetzer- und Anarchoszene; sechs davon sind durch Gewalttätigkeiten, Hausbesetzungen und andere Rechtsbrüche aufgefallen.
- Zwei Mandatsträger der Grünen mußten sich wegen Werbung für Terrororganisationen vor Gericht verantworten. Ein führender Repräsentant war Mitglied in der „Roten Hilfe“, einer Terroristenhilfsorganisation. Ein Mandatsträger war selbst aktiv an Terroranschlägen beteiligt, zwei weitere sorgten für den Nachschub terroristischer Vereinigungen.

Bayern-Kurier, 1. 2. 1986


12. 2. 1986
Anschlag auf Südafrika-Stiftung gescheitert


Ein Bombenanschlag auf das Büro der „Südafrika-Stiftung“ in Bonn – Bad Godesberg scheitert, da die Bombe wegen eines Defekts nicht wie geplant um Mitternacht explodiert. Erst nach mehreren Bekennerschreiben der „Revolutionären Zellen“ wird der Sprengsatz entdeckt und entschärft.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 2. 1986


18. 2. 1986
Anklage gegen „Wirtschaftswunderkinder“


Der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann erhebt Anklage gegen vier Personen, die im Mai und Juni 1985 Sprengstoffanschläge auf die Gebäude der Einzelhandelskammer und der Messe AG in Hannover verübt bzw. Beihilfe geleistet haben sollen. In Bekennerschreiben hatte sich die Gruppe „die Unausstehlichen“ und „Wirtschaftswunderkinder“ genannt. Die Studentin Isabel J. (25), der Koch Horst M. (23) und ein 25jähriger Kupferschmied sind nun wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung, Sprengstoffanschlägen und Verstößen gegen das Waffengesetz angeklagt.

Frankfurter Rundschau, 19. 2. 1986


März 1986
GA-Interview mit Bundesinnenminister
Friedrich Zimmermann


Zimmermann befürchtet, daß Chaotengruppen aus dem ganzen Bundesgebiet nach Wackersdorf kommen werden. Sie rekrutieren sich aus dem Umfeld der RAF, aus reisenden Chaoten und aus den Revolutionären Zellen. Es seien antiimperialistische Gruppierungen, die den Mord als Mittel des politischen Kampfes zuletzt bei einem Treffen in Frankfurt/M. gebilligt haben. Darin sieht Zimmermann ein großes Gefährdungspotential.

General-Anzeiger, 27. 3. 1986

Pfingsten 1986
„Pfingstschlacht“ von Wackersdorf


Auf die geplante atomare Wiederaufbereitungsanlage (WAA) im Taxölderner Forst bei Wackersdorf in der bayerischen Oberpfalz konzentriert sich am Pfingstwochenende, vier Wochen nach einem schweren Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl, nahezu das gesamte mobile Randale-Potential der Bundesrepublik. Neben friedlichen Demonstranten, die zu Zehntausenden kommen, präsentiert sich geballte Gewalttätigkeit: mindestens tausend Chaoten, die sich selbst „Street­fighter“ oder „Autonome“ nennen und für das „Schweinesystem“ nur Brechstangen, Pflastersteine und Molotowcocktails übrig haben. Drei Tage lang dauert die „Pfingstschlacht“, bei der vermummte Gestalten Polizisten mit Stahlkugeln in Beschuß nehmen, Polizeifahrzeuge in Brand setzen und versuchen, den Zaun des WAA-Baugeländes zu brechen. 187 Polizisten und Hunderte Demonstranten werden verletzt, die Sachschäden gehen in die Millionen.

Der Spiegel, 22/1986, S. 105 f., S. 114


5. 5. 1986
Anschlag auf ein US-Tanklager


Im pfälzischen Kirchheimbolanden wird ein Bombenanschlag auf ein US-Tanklager verübt. Dabei brennen zwei Lastwagen aus, und 4.500 Liter Benzin verpuffen. In einem Schreiben bekennt sich die „Antiimperialistische Gruppe“, die von der Polizei zum näheren Umfeld der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) gerechnet wird, zu dem Anschlag und klagt u. a. den „Ausbau des Polizeiapparates“ sowie „maschinenlesbare Ausweise, Volkszählung, Verfeinerung der Grenzkontrollen“ an.

Der Spiegel, 39/1986, S. 41

Juli 1986
Zielobjekte der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF)


BKA-Ermittler beschlagnahmen in Nordrhein-Westfalen eine weitere „schwarze Liste“, ähnlich der Liste, die im Januar dieses Jahres bei der Verhaftung der RAF-Verdächtigen Angela Senftleber sichergestellt worden ist (vgl. Der Spiegel, 29/1986). Erstmals sind aber als Zielobjekte nicht nur Firmen aufgelistet, die zum sogenannten „militärisch-industriellen Komplex“ gehören, sondern auch Unternehmen, die an der friedlichen Nutzung der Kernenergie und der Wiederaufbereitungstechnologie arbeiten.

Der Spiegel, 32/1986, S. 32


9. 7. 1986
Ermordung von Karl Heinz Beckurts


Bei der Explosion eines 30-Kilogramm-Sprengsatzes auf der Staatsstraße 2072 zwischen München und dem Vorort Straßlach kommen das Siemens-Vorstandsmitglied Prof. Karl Heinz Beckurts (56) und dessen Fahrer Eckhard Groppler (42) ums Leben. Die Detonation wird automatisch ausgelöst, als der BMW des Elektronik-Managers eine auf der Fahrbahn installierte Kontaktschwelle passiert. Zu dem Attentat bekennt sich ein Kommando „Mara Cargol“ der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) in einem „als authentisch angesehenen“ Bekennerbrief. In dem Schreiben heißt es, der Anschlag ziele auf die „perfektionierten Kontroll- und Überwachungssysteme für die Militär- und Polizeiapparate weltweit“, auf „Siemens-Computer von Wiesbaden über Guatemala, Honduras, Kairo bis Johannesburg“. Die Fahnder halten es für möglich, daß das Attentat „den Beginn einer neuen Offensive der RAF und ihrer militanten Unterstützer“ markiert.

Der Spiegel, 29/1986, S. 17 ff., und 39/1986, S. 44/46

14. 7. 1986
Organisationsstruktur der „Roten-Armee-Fraktion“


Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, daß auf der Kommandoebene der Roten-Armee-Fraktion (RAF) nach Experten-Schätzung zur Zeit rund 20 Terroristen operieren. Die Mitglieder stehen untereinander ständig in Kontakt, operieren aber immer nur in kleinen Gruppen. BKA-Experten glauben, zwei Kommandogruppen ausgemacht zu haben, eine in Baden-Württemberg, eine im Rhein-Main-Gebiet. Der Mord an Rüstungsmanager Zimmermann wird der baden-württembergischen Gruppe zugeschrieben; als Hauptverdächtige gelten Barbara (30) und Horst Ludwig Meyer (30). Zu der Gruppe sollen auch Eva Haule-Frimpong (31), Christoph Seidler (28) und Thomas Simon (33) gehören. Auf das Konto der Rhein-Main-Gruppe gehen nach Überzeugung von BKA-Fahndern die
Ermordung des US-Soldaten Edward Pimental in Wiesbaden und der Bomben­anschlag auf die US-Air Base in Frankfurt im August letzten Jahres. Gefahndet wird vor allem nach Andrea Klump (29), außerdem nach Birgit Hogefeld (29) und Wolfgang Grams (33). Zur Fahndung ausgeschrieben sind weiterhin Sigrid Sternebeck (37), Ekkehard Freiherr von Seckendorff-Gudent (45), Sabine Callsen (25), Henning Beer (27), Susanne Albrecht (35) und Inge Viett (42). Ein halbes Dutzend weiterer Angehöriger der Kommandoebene sind dem Bundeskriminalamt namentlich unbekannt.

Der Spiegel, 29/1986, S. 26


14. 7. 1986
Zielpersonen der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF)


Analysen von Strategiepapieren, Bekennerbriefen und -Kassibern zeigen, daß die RAF-Terroristen vor allem drei Gruppen von Zielen im Visier haben. Laut Generalbundesanwalt Rebmann sind das Angehörige der „Militärmaschine“ von der Bundeswehr über die US-Streitkräfte bis zur NATO-Zentrale; des „Repressionsapparates“ aus Gerichten, Polizei und Staatsanwaltschaften; des „Militärisch-industriellen Komplexes“, z. B. Manager von Rüstungskonzernen. Das Hauptproblem der Staatsschützer ist aber, daß aus den sichergestellten Unterlagen zumeist keine Hinweise auf eine akute und aktuelle Gefährdung bestimmter Personen abgeleitet werden können. Nur selten haben die Fahnder Glück wie im Januar dieses Jahres bei der Festnahme der RAF-Verdächtigen Angela Senftleber in Frankfurt, als sie eine Liste mit den Namen von 50 gefährdeten Personen sicherstellten, die im November 1985 in dem Studentenmagazin „Rote Blätter“, herausgegeben vom DKP-nahen „Marxistischen Studentenbund ,Spartakus“, veröffentlicht worden war. Zu den von der RAF als „SDI-Mafia“ bezeichneten Personen gehörten u. a. Dr. Wolfgang Schäuble und der am 9. 7. 1986 ermordete Siemens-Manager Prof. Karl Heinz Beckurts.

Der Spiegel, 29/1986, S. 19 f.


24. 7. 1986
Anschlag auf das Aachener Fraunhofer-Institut für
Lasertechnik


Auf das Aachener Fraunhofer-Institut für Lasertechnik wird ein Anschlag verübt. Laut einem Bekennerbrief der „Kämpfenden Einheit Sheban Atlouf“, die den aus dem Umfeld der RAF stammenden „Illegalen Militanten“ zugerechnet wird, gilt der Angriff einer Technologie, die der „Vernetzung aller zentralen Stellen in Militär, Politik, den Konzernen und der Forschung, den Bullen- und Geheimdienstapparaten“ dient und „den Aufbau totaler Überwachungsstrukturen“ ermöglicht.

Der Spiegel, 39/1986, S. 46


25. 7. 1986
Anschlag auf Firma Dornier


Auf ein Verwaltungsgebäude des Luft- und Raumfahrtkonzerns Dornier in Immenstaad am Bodensee wird ein Sprengstoffanschlag verübt, durch den ein Schaden von 1,3 Mio. Mark entsteht. In einem in der Nähe des Tatorts gefundenen Schreiben bekennt sich eine „Kämpfende Einheit“ zu dem Anschlag.

Die Welt, Bonn, 27. 7. 1986


August 1986
Anschlag auf eine Bundesgrenzschutz-Kaserne nahe Bonn


Auf eine Bundesgrenzschutz-Kaserne in Heimerzheim nahe Bonn wird ein Bombenanschlag verübt. In einem Bekennerschreiben des Kommandos „Crespo, Cepa Gallende“ heißt es, der Anschlag wende sich gegen „das Funknetz, das die Kommandeure, Hundertschafts- und Zugführer bis zur Bullenwanne miteinander“ verbinde. Ohne sie laufe „weder der CS-Gas-Angriff in Wackersdorf noch der Knüppeleinsatz bei Brokdorf“.

Der Spiegel, 39/1986, S. 46


2. 8. 1986
Festnahme von RAF-Terroristen


Kurz vor 16 Uhr wird in einer Rüsselsheimer Eisdiele die steckbrieflich gesuchte mutmaßliche RAF-Terroristin Eva Sybille Haule-Frimpong (32) festgenommen, die verdächtigt wird, am mißglückten Bombenanschlag auf die NATO-Schule in Oberammergau mitgewirkt zu haben und in die Ermordung des Rüstungsmanagers Ernst Zimmermann und des Siemens-Managers Karl Heinz Beckurts verstrickt zu sein. Gleichzeitig werden auch Luitgard Hornstein (23) und Christian Kluth (27) verhaftet, die bislang nur bei Krawallen und Hausbesetzungen aufgefallen waren, nun aber im Verdacht stehen, ebenfalls der RAF anzugehören. Der entscheidende Hinweis, der zur Festnahme führt, kam aus der Bevölkerung. Wie sehr die Fahnder auf die Hilfe der Öffentlichkeit angewiesen sind, zeigt die Tatsache, daß seit 1975 in 30 von 70 Fällen erst wachsame Bürger die Fahndungserfolge ermöglichten.

Der Spiegel, 33/1986, S. 75 f.


17. 8. 1986
Anschlag auf eine Polizeidienststelle in Hamburg


Unbekannte setzen die Räume einer Dienststelle der Hamburger Ausländer-Kripo in Brand. Bei dem Anschlag, der laut einer Mitteilung der „Revolutionären Zellen“ die Behörde „eine Zeitlang mit Aufräumarbeiten statt mit Menschenjagd“ beschäftigen soll, verwüsten drei Brandsätze Gebäude und Aktenbestände.

Der Spiegel, 45/1986, S. 148


31. 8. 1986
Anschlag auf das Kölner Ausländerzentralregister


In einem unterirdischen Montageschacht des Kölner Ausländerzentralregisters detoniert eine Bombe. In diesem Rechenzentrum, schreiben die Attentäter, die den „Revolutionären Zellen“ (RZ) zugerechnet werden, sei „das gesamte Herrschaftswissen über alle Nichtdeutschen“ gespeichert: „Ein rassistisches und totalitäres Register. Es muß deshalb weg.“

Der Spiegel, 45/1986, S. 148


1. 9. 1986
„Die Autonomen“


Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtet, wird bei der Großdemonstration gegen die Stationierung der „Cruise-Missiles“-Marschflugkörper, zu der Anfang Oktober 50.000 Rüstungsgegner im Hunsrück erwartet werden, mit Randalen von vermummten Gestalten in schwarzer Kluft, die sich „Autonome“ nennen, gerechnet. Schon seit 1980 beobachten Verfassungsschützer gewalttätige Aktivitäten einer „guerilla diffusa“, werden Ausschreitungen bei Demonstrationen und „Anschläge gegen Sachen“ immer häufiger „anarchistisch orientierten Kleingruppen ohne festgefügte Organisationsform“ zugeordnet. Es sind „politisch motivierte Gewalttäter“, die sich spontan zu „Sabotage-Aktionen“ zusammenfinden, aber keiner politischen Gruppe fest zugerechnet werden können, so der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Christian Lochte. Autonome Gruppen lieferten sich u. a. schon bei den Anti-Kernkraft-Demonstrationen in Wackersdorf und Brokdorf blutige Gefechte mit der Polizei, bei denen Hunderte von Verletzten auf beiden Seiten zu beklagen waren.

Der Spiegel, 36/1986, S. 31 ff.


8. 9. 1986
„Spiegel“-Gespräch mit dem ehemaligen BKA-Chef Herold


In dem Gespräch sagt der ehemalige BKA-Chef Horst Herold, daß sich der Terrorismus als Dauererscheinung in Deutschland eingenistet habe. Er trete stärker als früher mit zwei verschiedenen Anschlagsstrategien auf, die sich gegenseitig bedingen und stützen: den brutaler werdenden Aktionen der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF), die zwar über ein verbreitertes Umfeld verfüge, jedoch eine Kleingruppe geblieben sei, und den massenhaften, beinahe täglichen Brand- und Sprengstoffanschlägen gegen Gebäude und Einrichtungen, deren Sachschäden in die Millionen gehen. Das Morden selbst bleibe dabei den relativ wenigen und weitgehend bekannten Tätern der RAF-Kommandoebene überlassen, während die Täter, die Anschläge gegen Gebäude und Einrichtungen verüben, zunehmend aus dem näheren Umfeld der RAF stammen. Die Tatsache, daß der harte Kern der RAF seinen Aktionsradius stark eingeschränkt hat und nach jedem Attentat sofort wieder abtaucht, erschwere die Ermittlungsarbeit der Fahnder.

Der Spiegel, 37/1986, S. 38 ff.

8. 9. 1986
Bombenanschlag auf das Bundesamt für Verfassungsschutz


Auf das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, das den RAF-Terroristen und deren Helfern neben der Bundesanwaltschaft und dem Bundeskriminalamt (BKA) als Spitze des „Repressionsapparates“ gilt, wird ein Bombenanschlag verübt. Dabei wird ein Mann schwer verletzt, und es entsteht hoher Sachschaden. Zu dem Anschlag bekennt sich ein Kommando „Kämpfende Einheit Christos Tsoutsouvis“. In dem Bekennerschreiben der Terroristen aus dem Umfeld der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) heißt es: „Die Geheimdienste sind vorgeschobene Posten, die in internationaler Kooperation den vereinheitlichten Krieg gegen alle Befreiungskämpfe führen.“ Zwar fällt, laut Polizeinotiz, das Bekennerschreiben der Kölner Bombenleger insgesamt „gemessen an der Dimension des Anschlages recht knapp und inhaltlich sehr dürftig aus“, aber erstmals, analysiert später ein hoher Sicherheitsbeamter, wagten sich die Attentäter „ganz nah an ein gutbewachtes Objekt heran, um den Sympathisanten die angebliche Schwäche des Staates zu demonstrieren“.

Der Spiegel, 39/1986, S. 41 f., und 44/1988, S. 59 ff.


22. 9. 1986
„Rote-Armee-Fraktion“ (RAF)


Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ haben RAF-Terroristen und ihre Helfer, wie Textanalysen von gut einem halben Dutzend Bekennerschreiben der letzten Monate belegen, ein neues Ziel im Visier: Datennetze und Kommunikationstechnologie als Symbole der „versklavten Gesellschaft“. Zu den so motivierten Anschlägen zählen u. a. das Attentat auf Siemens-Manager Beckurts und dessen Fahrer Eckhard Groppler am 9. 7. 1986, der Angriff auf das Aachener Fraunhofer-Institut für Lasertechnik am 24. 7. 1986 und der Anschlag auf eine Bundesgrenzschutz-Kaserne in Heimerzheim nahe Bonn im August dieses Jahres. Neben der Daten- und Kommunikationstechnik zählen nach einem RAF-Papier vom letzten Juli die Sozialdemokraten zu den besonders gefährdeten Gruppen. Die SPD-Politik, heißt es im Terroristen-Text, sei der „Kitt für das brüchige imperialistische System“, weil es der „Bourgeoisie den langen Atem“ verschaffe.

Der Spiegel, 39/1986, S. 41 ff.


10. 10. 1986
Ermordung des Diplomaten Gerold von Braunmühl


Ein „Kommando Ingrid Schubert“ ermordet in Bonn-Ippendorf den Leiter der Politischen Abteilung im Auswärtigen Amt, Gerold von Braunmühl (51). Die Tatwaffe ist dieselbe wie bei der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vor neun Jahren. In einem Bekennerschreiben der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) heißt es, daß sich der Schlag unter anderem gegen die europäische Geheimdiplomatie in Nahost richte. Besondere Sorge bereitet den Staatsschützern das Spezialwissen der Terroristen über von Braunmühls diplomatische Tätigkeit, das aus dem Bekennerbrief hervorgeht. Von Braunmühls Teilnahme an der Konsultationsrunde zwischen Bonn, London, Paris und Washington war selbst in höheren Politzirkeln nur wenig bekannt. Deshalb besteht der Verdacht, daß es im Außenministerium ein Leck gibt.

Der Spiegel, 43/1986, S. 24 ff.


28. 10. 1986
Anschlag auf Harald Hollenberg


In Berlin wird auf den Leiter der Ausländerabteilung im Einwohnermeldeamt, Harald Hollenberg (54), ein Anschlag verübt. Von zwei Pistolenkugeln in beide Unterschenkel getroffen, wird Hollenberg schwerverletzt in ein Krankenhaus eingeliefert. In einem Schreiben bekennen sich die „Revolutionären Zellen“ (RZ) zu dem Anschlag. Das Attentat auf den Leiter der Berliner Ausländerbehörde fügt sich in eine neue Strategie der Terroristen: Linksextreme attackieren auch Personen und Institutionen, die sie als Exponenten der herrschenden Ausländerpolitik ausgemacht haben, um Propaganda für ihre Forderung freier Zuwanderung zu machen.

Der Spiegel, 45/1986, S. 147 f., vgl. auch 46/1986, S. 14


28. 10. 1986
Anschlag auf das Kölner Hauptquartier der Lufthansa


Bei einem Bombenanschlag auf das Kölner Hauptquartier der Lufthansa entsteht ein Sachschaden von rund 130.000 DM. Im Bekennerschreiben der „Revolutionären Zellen“ (RZ) wird die staatliche Luftfahrtlinie der „Hilfspolizeileistung“ bei Abschiebungsaktionen und beim Sextourismus bezichtigt.

Der Spiegel, 45/1986, S. 148

13. 11. 1986
Feuer im Marineamt


Ein Feuer in einem für das Wilhelmshavener Marineamt umgebauten Gebäudekomplex verursacht einen Schaden von ca. zwei Millionen Mark. Unbekannte schreiben an die Außenmauer „Kohl muß sterben“ und „RAF wir lieben Dich“.

Münchener Merkur, 14. 11. 1986


16. 11. 1986
Anschlag auf IBM-Forschungszentrum


Auf das Forschungszentrum des amerikanischen Computerkonzerns IBM in Heidelberg wird ein Bombenanschlag verübt. Durch die Explosion wird ein Teil der Großrechner zerstört oder beschädigt, so daß der Schaden in Millionenhöhe geht. In Tatortnähe wird ein achtseitiger Bekennerbrief gefunden, in dem sich eine „Kämpfende Einheit Hind Alameh“ für den Anschlag verantwortlich zeigt.

Süddeutsche Zeitung, München, 17. 11. 1986; Kölner Stadt-Anzeiger, 18. 11. 1986


21. 11. 1986
Anschlag auf Berliner Fraunhofer-Institut


Auf das Gebäude des Fraunhofer-Instituts für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik in Berlin-Wilmersdorf sowie auf das Auto des Institutsdirektors Günter Spur werden ein Sprengstoffanschlag bzw. ein Brandanschlag verübt, durch die geringer Sachschaden entsteht. An den Tatorten findet die Polizei zwei Bekennerschreiben mit der Unterschrift „Militante AKW-Gegner“.

Die Welt, Bonn; Frankfurter Rundschau, 22. 11. 1986


25. 11. 1986
Anschlag auf Baufirma


Gewalttätige Atomgegner verüben einen Brandanschlag gegen eine Baufirma auf dem Gelände der Münchener Abwasserversorgung im Stadtteil Ismaning, durch den ein Sachschaden in Millionenhöhe entsteht. Die Täter malen an einen Bürocontainer die Parole „WAA – Selbstmord“ und hinterlassen Flugblätter mit der Aufschrift „WAA nie, Münchner Bürger“.
Die Baufirma, die an der Errichtung der Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für Kernbrennstoffe in Wackersdorf beteiligt ist, war in der Vergangenheit bereits mehrfach Ziel von Anschlägen gewalttätiger Kernkraftgegner.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 11. 1986


27. 11. 1986
Anschläge auf Strommasten


Wie „Die Welt“ berichtet, sind in diesem Jahr bereits 113 Anschläge auf Strommasten verübt worden, fast genauso viele wie in den fünf Jahren zuvor.

Die Welt, Bonn, 27. 11. 1986


7. 12. 1986
Anschlag in Bielefeld verhindert


Die Polizei kann einen für den 9. Dezember geplanten terroristischen Anschlag auf eine Niederlassung des Siemens-Konzerns in Bielefeld verhindern, der nach den sichergestellten Unterlagen entweder der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) oder den „Roten Zellen“ zugeordnet werden muß. Der Bielefelder Student Jens K. (24), der als Täter gilt und in dessen Wohnung die Polizei u. a. ein Bekennerschreiben zu dem geplanten Anschlag findet, wird festgenommen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8. 12. 1986


12. 12. 1986
Anschlag auf Bundesbahnstrecke


Ein Einkaufswagen aus einem Supermarkt wird auf die Oberleitung der Bundesbahnstrecke Frankfurt-Kassel in der Nähe des Bahnhofs Frankfurt-Eschersheim geworfen. Der Anschlag verursacht einen Sachschaden von 20.000 Mark und sorgt für erhebliche Zugverspätungen. Zu der Tat bekennt sich eine Gruppe „Kämpfende Kollektive“. Die Polizei findet in der Nähe des Tatorts einen Zettel mit der Aufschrift: „Die Toten lassen grüßen“. Er enthält unter anderem die Namen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof.

Frankfurter Neue Presse, 13. 12. 1986


19. 12. 1986
Anschlag auf DEG-Zentrale


Auf die Zentrale der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG) in Köln wird ein Sprengstoffanschlag verübt, durch den ein Sachschaden von mehr als 250.000 DM entsteht. Der Sprengkörper detoniert in einem Großraumbüro der DEG-Zentrale im Kölner Stadtteil Müngersdorf. In einem Schreiben bekennt sich eine „Kämpfende Einheit Rolando Olalia“ der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) zu dem Anschlag.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. 12. 1986


21. 12. 1986
Anschlag auf die Friedrich-Ebert-Stiftung


Auf das Kurt-Schumacher-Bildungszentrum der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Bad Münstereifel wird ein Brand- und Sprengstoffanschlag verübt, durch den ein Sachschaden von rund 100.000 Mark entsteht. In einem bei der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf eingegangenen sechsseitigen Schreiben erklärt sich eine „Kämpfende Einheit Mustafa Aktas (Celal)“ der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) für den Anschlag verantwortlich.

Süddeutsche Zeitung, 23. 12. 1986; 24. 12. 1986


Zusammengestellt von Hans-Helmuth Knütter und Alexander Helten

Abkürzungen der Literaturangaben


AL = Michael Bühnemann u. a. (Hg.): AL. Die Alternative Liste Berlin. Berlin 1984
APuZ = Aus Politik und Zeitgeschichte
Backes = Uwe Backes / Eckhard Jesse: Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 1996
BPA-Bulletin = Bulletin des Bundespresseamtes (Bonn)
Schlomann = Friedrich W. Schlomann: Die Maulwürfe. Berlin 1994