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Analysen

Nationalismus als Bedingung für Moderne und Fortschritt - Vergleichende Betrachtungen zu Japan

Josef Schüßlburner
Nationalismus als Bedingung für Moderne und Fortschritt -
Vergleichende Betrachtungen zu Japan


Der Beitrag behandelt am Beispiel Japans die zentrale Frage, woran es liegt, daß einige (wenige) Staaten wissenschaftlich-technisch fortschrittlich sind, wie insbesondere Deutschland und dementsprechend eine positive wirtschaftliche Entwicklung aufweisen, während weite Teile der Welt demgegenüber als rückständig eingestuft werden müssen. Die Antwort auf diese Frage lautet, daß dieser wissenschaftlich-technische Fortschritt eng verbunden ist mit dem modernen Nationalstaatskonzept und damit letztlich mit dem Nationalismus. Dieser verweist auf das Weltlichkeitsprinzip und befreit von einer universalistisch und damit einer zwingend vorgegebenen Weltsicht mit auferlegten Dogmen, die einer objektiven Weltbetrachtung entgegenstehen. Würden die etablierten Verkünder westlicher Werte diese wirklich verstehen, dann müßten sie die Nationalstaatskonzeption in das Zentrum westlicher Werte stellen.


Denn immerhin muß der Nationalismus-Kritiker Hans-Ulrich Wehler einräumen, daß der Nationalismus vergleichbar der antiken Polis ein „Unikat des Okzidents“ darstellt und eng mit dem Entstehen der Moderne in (West-)Europa verbunden ist und damit für westliche Werte stehen müßte. Wehler meint dann allerdings, daß der Zusammenhang zwischen Nationalstaatskonzept und wissenschaftlich-technischen Fortschritt nur ein zufälliger sei und nunmehr der technische Fortschritt nicht mehr auf die Nationalstaatskonzeption angewiesen wäre. Und dies obwohl immer noch, d.h. gerade auch im Zeitalter der Globalisierung, beobachtet werden kann, daß Gesellschaften, bei denen ein überwiegend religiöses Weltverständnis vorherrscht wie insbesondere in der Welt des Islam, wissenschaftlich-technisch unterentwickelt bleiben und politisch zur Despotie tendieren, die im Zweifel wiederum eine verbindliche Welterklärung als staatliches Programm vorschreibt und damit geistig die Unterentwicklung perpetuiert.


Der wesentliche innere Zusammenhang zwischen Nationalstaatskonzeption / Nationalismus und wissenschaftlich-technischen Fortschritt besteht im Weltlichkeitsprinzip und damit in der Ablösung von der (ausschließlich) religiösen Welterklärung in Bezug auf die Organisation der menschlichen Gesellschaft einerseits und hinsichtlich des Verständnisses der realen Welt andererseits. Die Anerkennung der Legitimität der Existenz von unabhängigen Staaten ist Teil des Weltlichkeitsprinzips, da die religiöse Welterklärung eine Universalherrschaft nahelegt. Zum Weltlichkeitsprinzip des Nationalstaats gehört seine den Prämissen der Ökonomie entsprechende Partikularität. Die Prinzipien der Ökonomie sind sicherlich universell, eine Aussage, die aber gerade nicht zu einem Welteinheitsunternehmen nötigt. Während die religiöse Welterklärung politisch zum Universalismus neigt und damit aus Gründen der Überforderung mit wirtschaftlicher Unterentwicklung verbunden ist, stellt der Nationalstaat das Ergebnis der Erkenntnis dar, daß den aufgrund vielfältiger Bedingungen sich ergebenden Spezifika nur partikulär Rechnung getragen werden kann. Diese Erkenntnis führt wirtschaftlich zum Entstehen vielfältiger Unternehmen und die in Konkurrenz ausgetragene Vielfalt ist einem Einheitsunternehmen in fast jeder Hinsicht überlegen. Aus gleichen Gründen ist der Staatenpluralismus dem universalistischen Weltstaat überlegen.


Der Zusammenhang zwischen Nationalstaat / Nationalismus und technischen Fortschritt kann gut am Beispiel Japans dargestellt werden, welches das wesentliche nicht-europäische Land ist, das den Übergang zur Industriegesellschaft bewerkstelligt hat, indem es die europäische Nationalstaatskonzeption übernommen hat und aufgrund einer spezifischen Vorgeschichte (die man außerhalb von West-Europa im Wesentlichen nur noch in Ostasien findet) auch übernehmen konnte.


Allerdings hat auch die Fähigkeit zur kreativen Rezeption, die eben einer Vielzahl anderer Staaten nicht gelungen ist, eine notwendige Vorgeschichte. Der vorliegende Beitrag widmet sich dieser Vorgeschichte, die letztlich auf die Befähigung zur Religionskritik zurückgeht, was Raum geschaffen hat für alternative Welterklärungen, insbesondere in einer spezifischen Zuordnung des Universalismus- / Partikularismusproblems, die in der Auseinandersetzung mit dem europäischen Christentum aufgetreten ist. Dieses hat für japanische Kritiker gezeigt, daß es einen Universalismus als solchen auf der Ebene der menschlichen Vergemeinschaftungen nicht gibt, sondern die jeweiligen Universalismen auf eine Partikularität zurückgehen, die eine Vergemeinschaftung bei spezifischer Feindbestimmung (etwa: Getaufte / Ungetaufte) erzeugen. Setzt man an die Stelle des religiösen, politisch zur Unterentwicklung verdammenden Universalismus den Universalismus der Natur als Erkenntnisquelle, dann ergibt sich als gewissermaßen natürlich eine Vergemeinschaftung auf der Grundlage quasi-familiärer Nationalität: Die sich aufgrund von (biologischen) Naturgesetzen sich ergebende Abstammung stellt nun einmal einen engeren Zusammenhang von Menschen her, was nach Ansicht des maßgeblichen japanischen Kritikers des Christentums der Wendezeit um 1600, Fukan(sai) Fabian, mit dem 4. Gebot des Dekalogs (Wertschätzung der Eltern und der daraus sich ergebenden Familienbeziehungen gegenüber anderen Menschen) anerkannt würde, aber mit dem maßgeblichen 1. Gebot (intoleranter Eingottglaube als Ausgangspunkt des Zwangsuniversalismus) zum Schaden der konkreten politischen Ordnung relativiert würde. Diese Kritik am Christentum hat auch gegenüber den einheimischen Religionen Japans zu einem säkularisierten Weltverständnis geführt, was dann Grundlage des modernen japanischen Nationalstaates und dessen wissenschaftlich-technischen Fortschritt darstellt.


Der Beitrag schließt mit der Frage ab, inwieweit es sinnvoll ist, von einem „wissenschaftlichen Nationalismus“ zu sprechen, ein Thema, das den Diskurs japanischer Intellektueller beherrscht hat: Sicherlich ist es aufgrund der Universalität der naturgesetzlichen Erkenntnisse verfehlt, von einer „deutschen Wissenschaft“ etc. zu sprechen; legitim ist an diesem Diskurs jedoch die Ermittlung der letztlich kulturellen Voraussetzungen, die derartige Erkenntnisse und vor allem deren technische Umsetzung erlauben. Da diese Voraussetzungen ersichtlich nicht universell vorliegen, kann die Antwort nur im ökonomisch sinnvollen Partikularismus des erfolgreichen Nationalstaates gefunden werden.



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