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Analysen

Rechts - Mitte - Links in der chinesischen Geistesgeschichte: Der Weg zum Maoismus

Josef Schüßlburner

Die Unterscheidbarkeit der politischen Strömungen als „rechts“ und „links“, die seit der Französischen Revolution förmlich in dieser Weise eingeordnet werden und deren Ringen um die vorübergehende politisch-ideologische Hegemonie mit friedlichen Mitteln kennzeichnend für eine freie Demokratie ist, hat eine lange vordemokratische Vorgeschichte. Dies soll im nachfolgenden Beitrag, Auftakt für weitere Beiträge insbesondere zur politischen Linken in Asien, am Beispiel der chinesischen Geistesgeschichte, die für ganz Ostasien maßgebend ist, dargestellt werden. Im „Reich der Mitte“ hat man diese unterschiedlichen linken und rechten Strömungen ideologisch in der staatlich angeordneten „Mitte“, dem Macht-„Zentrum“ zwangsweise zu harmonisieren versucht, da die Angst vor der politischen Freiheit und den damit verbundenen Konflikten zu übermächtig war. Trotzdem sind die politischen (Unter-) Strömungen ziemlich eindeutig als „rechts“ und „links“ identifizierbar.

Verglichen mit Europa stellt sich die Ähnlichkeit bei „links“ größer dar als bei der politischen Rechten. Dies kann wohl darauf zurückgeführt werden, daß die politisch linken Strömungen von Europa und Asien auf die gemeinsame gnostische Unterströmung zurückführt, die sich im Manichäismus, der sich bis nach China verbreitet hatte, zu einer Religion konstituierte. Die Charakteristika des „leftism“ lassen sich bei der Betrachtung der chinesischen Entwicklungen gut identifizieren: Links steht für die Herrschaftslosigkeit der „Großen Gleichheit“, welche dadurch erreicht wird, dass alle Menschen so gut wie identisch sind - wie dies in der wohl aus Indien stammenden Utopie des Reiches Uttarakuru beschrieben ist. In der Realität wird diese Gleichheit durch das Führerprinzip, wie es modern mit dem Maoismus in der Erscheinung getreten ist, verwirklicht, da unter dem vergöttlichten Führer die Unterschiede der „Brüder“ irrelevant werden und damit verschwinden. Der Militarismus bietet sich dabei gerade in China als Organisationprinzip politisch linker Strömungen an, weil dies im zentralen Gegensatz zum Familismus der konfuzianischen (rechten) Mitte also von Altershierarchien steht; bei der Militärorganisation kommt dagegen der Stärkere, der in der Regel der Jüngere ist, zum Zuge. Die gnostische Unterströmung hat wohl bewirkt, daß man auch in Ostasien geglaubt hat, die Utopie der großen Gleichheit lasse sich tatsächlich politisch verwirklichen. Wie in den chiliastischen Strömungen Europas setzt die Verwirklichung der Utopie das große Abschlachten der „Dämonen“ voraus.

Der Beitrag versucht zu erklären, warum gerade in China der Moderne sich mit dem Maoismus diese linke Unterströmung durchsetzen konnte: Der Konfuzianismus als wesentliches Herrschaftsmodell der rechten Mitte war durch die Fremddynastien von Mongolen und Mandschuren diskreditiert, wobei die Tatsache dieser Fremdherschafft auf den Antimilitarismus des Konfuzius und der dadurch bedingten außenpolitischen Schwäche zurückgeführt werden konnte. Dabei spielt auch eine Rolle, daß die letzte genuin chinesische Kaiserdynastie der Ming aus einer linken Aufstands-Sekte hervorgegangen war. Mit dem Maoismus, der durch eine Radikalisierung der gnostischen Unterströmung der chinesischen Geistestradition durch eine verfremdete Übernahme christlicher eschatologischer Elemente (dadurch zeichnete sich die Taiping-Rebellion im 19. Jahrhundert aus) sich konstituieren konnte, setzte sich die schon lange vorhandene linke Strömung in China förmlich durch. Als Machtzentrum unterdrückt die maoistische Linke die politische Freiheit durch einen Kampf gegen Rechts (etwa gegen „Rechtsrevisionisten“), den der langjährige Ministerpräsident Zhou Enlai wie folgt erklärt hat: „Die rechtsgerichteten Elemente sagen, daß es in unserem Land  viel zu wenig Freiheit gibt und sprechen so, als ob Freiheit nur dann gegeben wäre, wenn vom Staate Möglichkeiten gewährt und Garantien vorgesehen werden für jene, welche den Grundlagen des Staatssystems, welches in unserer Verfassung niedergelegt ist … in Worten und Taten Opposition leisten wollen: Es ist ganz klar, daß das Volk nicht zustimmen wird, ihnen diese Art von Freiheit zu gewähren.“ Durch die mittlerweile festetablierten bundesdeutschen 68er, die einst mit Bildern des großen Führers (nicht des deutschen, sondern des chinesischen) demonstriert haben, sind derartige Parolen auch in der Bundesrepublik Deutschland virulent und stehen dabei dem normalen Funktionieren der Demokratie entgegen, das den offen ausgetragenen Links-Rechts-Antagonismus bei Anerkennung der Legitimität der entsprechenden Positionen zur Voraussetzung hat.

Anmerkung:

Die vorliegende Abhandlung, ein Auftakt zu weiteren Darstellungen insbesondere des politisch linken Elements in der asiatischen Tradition auf dieser Website, stellt eine Ergänzung zu den zwei derzeit erhältlichen Veröffentlichungen des Verfassers dar:


 


Konsensdemokratie   


 


Das Buch von Josef Schüßlburner, Konsensdemokratie: Die Kosten der politischen Mitte, betont die Notwendigkeit der Anerkennung des friedlich ausgetragenen Rechts-Links-Antagonismus für das Funktionieren einer als frei anzusehende Demokratie, welche ansonsten in das immer höhere Kosten verursachende Regime einer Mitte als Obrigkeit überführt wird.


Das Buch von Josef Schüßlburner, Roter, brauner und grüner Sozialismus. Bewältigung ideologischer Übergänge von SPD bis NSDAP und darüber hinaus. 2013, 350 S. gr. ISBN 3-944064-09-7. Arnshaugk. Kt., dasin einer unveränderten Neuauflage für 19.90 € wieder erhältlich ist, befaßt sich mit den Erscheinungsformen linker politischer Ideologie.


 



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